Litauen 2019

von | 18.01.2020

Brennglas Litauen: Europäische Konflikte, Start-Ups und eine Stadt, für die der Weg das Ziel ist zur Kulturhauptstadt Europas 2022

Das mit rund 2.8 Mio Einwohnern größte Land der drei Baltenstaaten war das Ziel unserer jährlichen Recherche-Reise der EOWA im September 2019.

Vom ersten Tag an der einwöchigen Tour zog Litauen unsere 12 Teilnehmer in seinen Bann.

Start war in der Hauptstadt Vilnius, weiter mit dem Bus nach Kaunas, dann nach Klaipeda und schließlich auf die Kurische Nehrung.

Karolis Zemaitis, unser Guide, brachte uns mit faszinierenden Menschen aus Litauen zusammen, die bei allen Mitreisenden den Eindruck einer unglaublich positiv engagierten europäisch ausgerichteten Gesellschaft hinterließen.

Unser EOWA-Mitglied Frank Hofmann, langjähriger Korrespondent der Deutschen Welle in vielen Ländern Osteuropas und in Brüssel, hat seine sehr persönlichen Eindrücke in seinem nachfolgenden Bericht (der in Kaunas beginnt) zusammengetragen:

Kaunas – Kulturhauptstadt Europas 2022 entdeckt ihren alten Glanz

Das Ladengeschäft in der Fußgängerzone versprüht modernen Charme.

Es ist das Hauptquartier der Kampagne von Europas Kulturhauptstadt 2022.

Zwei lange Jahre sind es noch bis dahin. Das klingt nach sehr viel Arbeit.

Doch der Planungsstab kommt ganz ohne Schreibtisch aus. Allein ein einziger langer Tisch in weißem Design dient dem rund ein Dutzend Kultur-Planern als kreatives Zentrum, das die Ideen hervorbringen soll, für die in nur noch zwei Jahren Europas Kulturinteressierte in die zweitgrößte Stadt Litauens strömen mögen.

Auf dem Tisch liegen frisch gedruckte Broschüren, die schon jetzt von der kleinen Projekt-Truppe herausgegeben wurden: Über die „Architektur der Hoffnung“ Anfang der Jahrhundertwende – die litauische Variante des Jugendstils in Europa. Viel mehr wird fast jeden Monat hier produziert und angeschoben. Denn für die Macher hat die kulturelle Groß-Event schon jetzt begonnen: Nicht 2022, nein, bei diesem Projekt geht es tatsächlich um den Weg.

„Die Kulturhauptstadt Europas – das passiert jetzt“ – das ist das eigentliche Motto dieses Projektes. Die „Architektur der Hoffnung“ des Jugendstils vor mehr als 100 Jahren ist ihnen zum Leitmotiv geworden. Kaunas versucht aus dem Schatten der litauischen Hauptstadt herauszutreten.

War die Stadt doch einmal selbst Hauptstadt zwischen den beiden Weltkriegen. Heute ist die Stadt fast ausschließlich von „ethnischen Litauern“ geprägt.

Das war einmal anders als russische, deutsche, jüdische und zum Teil deutsch-jüdische Minderheiten hier lebten.

Die Stadt verlor an Bedeutung als Vilnius die Hauptstadt der sowjetischen Teilrepublik Litauen wurde. Heute sind in Kaunas jedes Jahr 35000 Studenten immatrikuliert.

 

Doch die meisten verlassen Kaunas gleich nach ihrem Studium.

Im Rathaus will ein engagiertes Team das ändern: Kaum einer ist hier 40 Jahre alt, die meisten sehr viel jünger.

So wie Vize-Bürgermeister Mantas Jurgutis, der in seinem 20 Minuten Vortrag ein Pensum absolviert als ginge es darum, einen Marathon zu laufen.

Das Radewege-Netz soll ausgebaut, die Hotelerie in Schwung gebracht werden.

Mantas Jurgutis: „I hope you can feel what we’re doing here.“

Wir sollen „fühlen“, was die junge Truppe hier veranstaltet, die Fakten reichen ihnen nicht.

Draußen peitscht Regen gegen die Rathausfenster, drinnen jagen Zahlen, Fotos und Grafiken über die Wand im Bürgermeister-Zimmer. 

6000 Gebäude der Modernismus-Ära, hätten sie bereits markiert und mit Plaketten kenntlich gemacht, so Jurgutis. Doch was hilft das, wenn es noch nicht genügend Hotelkapazitäten für die Städtetouristen gibt?

Immerhin gibt es 2300 Betten im großen Klinikum der Stadt.  Denn Kaunas ist der Krankenhaus-Hotspot der ganzen Region – dafür ist die Gemeinde im ganzen Land bekannt. Aus dem Gesundheitstourismus soll ein tragfähiger Städtetourismus werden.

Es ist ein enormes Tempo – wie der Vortragende spricht und was er verspricht. Das Team im Rathaus fordert und legt vor. Und scheint damit Erfolg zu haben.

Kaunas hat einen der großen Gewerbeparks im Land mit Sonderkonditionen für das ansiedelnde Gewerbe.

Hier hat der deutsche Autolichthersteller Hella eine ausgelastete Fabrik und vor allem ist der bekannteste Selfmade-Man des Landes hier zu Hause:

Vladas Lasas ist Mitgründer des „CarbonWarRoom.com“ von Virgin-Atlantic-Gründer Richard Branson. Lasas ist Generalvertreter von UPS in Litauen, vor allem aber ein begnadeter Pragmatiker, der bei der Elektrifizierung des Verkehrs in seiner eigenen Firma anfängt: Mit den Paketautos.

Richard Branson hatte er einst besucht, „ich bin mit Ryanair hingeflogen und in seinem Privatjet zurück“ – er hatte Branson davon überzeugt, dass im kleinen Litauen mit seinen 2,8 Millionen Einwohnern und in Kaunas Zukunftspotential für eine CO2-neutrale Welt liegt.

Der Zweite Weltkrieg brachte für Litauen Sowjetherrschaft und Unterdrückung. So sehen es viele hier. Und die einst so stolze ehemalige Hauptstadt Kanuas wurde da schon marginalisiert. Doch sie reckt sich, später als die Hauptstadt Vilnius, aber jetzt mit großem Elan aus der Zweitrangigkeit: So lockt das Basketball-Stadion der Zalgiris  Fans aus der ganzen Region.

Das Team spielt im europäischen Basketball-Wettbewerb und hat einen engen Draht nach Berlin und seinem Vorzeigeclub Alba Berlin. Mit zwölf Millionen Euro Jahresbudget gehört der Verein zu den Kleinen unter den Großen – „doch wir kämpfen mit Leidenschaft“, sagt Paulius Motiejunas, selbst ehemaliger Spieler und heute der junge Präsident des Clubs.

Die Spiele sind Mega-Ereignisse. „Wir können es nicht mit der Atmosphäre einer Stadt wie Berlin aufnehmen – aber wir haben die Fan-Basis.“ Und die bringt die Arena regelmäßig zum Kochen.

Gleich zwei Billigflieger-Anbieter locken die Fans aus ganze Europa nach Kaunas. Und immer mehr wollen wieder kommen – vielleicht ja bald in eine europäische Kulturhauptstadt, die schon zwei Jahre vor dem eigentlichen Start Programm macht, das überzeugt.

Vilnius – Litauens Hauptstadt mit europäischem Flair

Dieser Dynamik standen die anderen Ziele dieser Herbstreise 2019 nicht hintenan. Vorneweg die Hauptstadt Vilnius.

Das Programm hatte Karolis Zemaitis von der hiesigen Stadtmarketing-Agentur „Go Vilnius“, auf die Beine gestellt. Karolis gab sich alle Mühe, die Hauptstadt glänzen zu lassen und sie doch einzubetten in ein Gesamtbild des Landes.

Das vertiefte schon der deutsche Botschafter Matthias Sonn, selbst erst seit kurzem in Vilnius und doch schon mitten drin im großen politischen Gefüge:

Auf den russisch-europäischen Konflikt um die Ukraine hat die Nato multinationale Battlegroup in Litauen geantwortet. „Litauen und Deutschland: eine Partnerschaft, auf die Verlass ist – im freien und geeinten Europa und bei der Bewältigung weltweiter Herausforderungen“, hat Sonn seine Amtszeit überschrieben.

Deutschland ist Führungsnation am Nato-Standort hier mit unmittelbarer russischer Außengrenze zur Enklave Königsberg. Wie wichtig das für die Litauer ist, bringt EOWA-Guide Karolis im Laufe dieser Woche am deutlichsten auf den Punkt: Der Gedanke eines russischen Angriffs auf das Land ist allgegenwärtig. „Wenn da lediglich ein paar von uns Litauern gegenüber stünden, wäre das in Moskau egal“, sagt Karolis – bei Nato-Soldaten anderer Länder sehe das anders aus.

„Für viele Litauer ist die Nato-Präsenz entscheidend“, sagt Botschafter Senn, der heute im Gebäude einer ehemaligen Unterorganisation des sowjetischen KGB residiert. Jeden Tag zählten litauische Behörden mehr als 100 Cyber-Angriffe.  Es gelte die „Resilienz“ im Land gegenüber solchen Angriffen zu stärken.

Kurz vor dem Gespräch hatte ein Foto eines angeblichen deutschen Panzers der Nato-Battlegroup auf einem jüdischen Friedhof für Aufregung gesorgt. Der sei geschändet worden, wurde da insinuiert. Ein Fake, aufgedeckt vom litauischen „Cyber-Centre“. Tatsächlich sind die historischen Folgen der Gewaltherrschaft des Deutschen Reiches unbestreitbar. Noch 1939 hatte Vilnius eine jüdische Bevölkerungsmehrheit, die durch Nazi-Deutschland vernichtet wurde.

Dass auch diese Geschichte zu seiner Stadt gehört, hat Bürgermeister Remigljus Simasius verinnerlicht. Der Liberale will seine Stadt attraktiv machen für die europäische Digitalwirtschaft.

Stolz präsentiert er die Open-Source-APP der Stadt, die alle Mobilitäts-Anbieter in einer Anwendung vereint.

Wir treffen ihn im Bistro des MO Museums, dem wichtigsten Museum für moderne Kunst in der Region, das sich in diesem Herbst künstlerisch den Umbrüchen in Europa vor 30 Jahren widmet.

 

Frank Hofmann

Auf der Weiterreise nach Klaipeda erleben wir das ländliche Litauen in seiner herbstlichen Pracht. Die Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad liegt an mehreren Stellen am gegenüberliegenden Ufer der Memel in  Sichtweite.

Klaipeda – Litauens Tor zur Welt

Bereits 1252 wurde Klaipeda unter dem deutschen Namen „Memel“ gegründet.

Heute ist die drittgrößte Stadt des Landes hauptsächlich bekannt für ihren

mit Abstand wichtigsten Seehafen Litauens, der das ganze Jahr über eisfrei bleibt und der ein wichtiger Knotenpunkt für Fracht- und Passagierschiffe zwischen Litauen, Skandinavien und Deutschland ist.

Im zweiten Weltkrieg wurde Klaipeda regelrecht verwüstet, erholte sich jedoch recht schnell wieder.

Die hübsche Altstadt, die 1969 zum Kulturdenkmal erklärt wurde, erinnert mit den engen Pflastergassen und Resten der alten Memelburg an längst vergangene Zeiten.

Den Mittelpunkt der historischen Altstadt bildet der Theaterplatz mit einem Brunnen der Figur der Ännchen von Tharau, die an das gleichnamige Lied erinnern soll.

Am letzten Tag unserer Reise, wartet noch ein ganz besonderer landschaftlicher Höhepunkt auf uns:

Die Kurische Nehrung – Naturschutzgebiet mit traumhafter Dünenlandschaft

Von Klaipeda aus setzen wir mit einer kleinen Fähre über auf die 98 km lange

Halbinsel an der Nordküste des Samlands.

Seit 1945 gehören die nördlichen 52 km zu Litauen und die südlichen 46 km zu Kaliningrad.

Mit ihren imposanten Dünenlandschaften  zog sie schon Thomas Mann in seinen Bann, der dort 1930 ein Ferienhaus erbauen ließ. Heute ist dort zu seien Ehren ein Kulturzentrum untergebracht.

Nicht nur Thomas Mann, sondern auch wir waren begeistert von dieser schönen Landschaft mit Wäldern, Dünen und dem Meer zu beiden Seiten der Nehrung.

Die einmalige Landschaft mit ihren imposanten Wanderdünen, die seit dem Jahr 2000 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, ist eng mit der baltischen Sagenwelt verwoben.

Abseits der feinsandigen Ostseestrände findet man hier jahrhundertealte Kiefernwälder in denen Holzskulpturen aus der litauischen Folklore die Wege bewachen.

Noch in der Nacht fahren die meisten unserer Mitreisenden mit der Autofähre von Klaipeda nach Kiel zurück: 22 Stunden Minikreuzfahrt-Gefühl am Ende einer faszinierenden Reise in ein „neuentdecktes“ großartiges Land.

Litauen, wir kommen wieder !

 

Klaus Bergmann