IMG_4240Ziel unserer Recherchereise Anfang September 2015 war die im Westen der Ukraine gelegene Stadt Lviv, eine altehrwürdige und schöne Handelsmetropole, die sich darauf freut, auch von Besuchern aus dem Ausland wachgeküsst zu werden. Für einen Dornröschenschlaf ist sie jedenfalls zu lebendig. Heute leben in Lviv rund 720 tausend Einwohner. Die malerische Stadt hatte in ihrer Geschichte viele Namen: als Lemberg ist sie im deutschen Sprachraum bekannt, als Lwów im polnischen und nun Lviv. Jede Namensänderung war eine Folge der territorialen Verschiebungen durch Krieg und Okkupation.

Die Stadt der Löwen

Die Stadt der Löwen

In diesen milden, frühherbstlichen Tagen sitzen die Leute noch draußen. Lemberg ist alt und interessant, seine Altstadt ist seit 1998 Weltkulturerbe. Die Zeit der schlimmsten Mangelwirtschaft ist zwar vorbei, doch noch immer bröckeln die Fassaden, blättert die Farbe und bröselt der Putz. Aber all das kann restauriert und damit gerettet werden. Die Sanierung der Lemberger Baudenkmäler wäre ein riesiges Konjunkturprogramm, wenn, ja wenn endlich Geld dafür da wäre. Dass es gelingen kann, zeigt sich am Beispiel der restaurierten galizischen „Schwesterstadt“ Krakau in Polen.

Vor der Lemberg Oper

Vor der Lemberg Oper

Nach nur drei Flugstunden sind wir in Lemberg angekommen und am Nachmittag gleich zu einem Stadtbummel aufgebrochen. Wir bummeln den Prospect Svobody entlang, vorbei an Markt und Kirche, und bestaunen an seinem Ende das prächtig restaurierte Opernhaus ganz nach dem Vorbild der Pariser Opera Le Garnier.

Unser Vorstandsmitglied Eva Szybalski hat den Rundgang vorbereitet und erzählt Geschichte und Geschichten und taucht damit ein in die Vergangenheit der eigenen Familie. Diese war über Generationen in Lemberg verwurzelt, ihr Vater ist hier geboren. Mit der Vertreibung durch die Russen war seine unbeschwerte Kindheit zu Ende. Heute lebt er, wie viele Polen, in der neuen Welt. Das alte Europa haben sie verlassen, in Amerika sind sie angekommen und Sehnsucht nach der Heimat haben sie noch immer.

Zum Abendessen kehren wir im Restaurant Atlas am Marktplatz ein. Es gibt ein herzliches Wiedersehen mit Ostap Slyvynsky, ein guter Bekannter von EOWA seit 2007 und großer Kenner seines Landes und deren Kultur.

Wiedersehen mit Ostap

Wiedersehen mit Ostap

Das wiedereröffnete Atlas

Das wiedereröffnete Atlas

Das Gebäude ist behutsam restauriert, die Innenräume glänzen in noch neuer Holzvertäfelung, hier und da hat sich eine verblichene Wandmalerei erhalten. War es früher ein stadtbekannter Politiker- und Künstlertreffpunkt, so mischen sich heute mehr und mehr Touristen unter die Gäste. Das Essen war köstlich und vielfältig – natürlich traditionelle Galizische Küche mit den Klassikern Zurek, Borszcz und Bigos.

Ukrainische Kunst

Ukrainische Kunst

Während die einen im Anschluss müde waren, zogen die Anderen noch um die Häuser und konnten am nächsten Morgen vom Besuch in einem Club namens Kryjivka berichten. Eingerichtet war er wie ein Partisanen- Versteck, es wurde schräg musiziert und noch schräger mitgesungen, im Hinterhof gab es eine zusammengeschweißte Kunstinstallation und eine Plattform, die man erklimmen konnte. Oben angekommen, staunte man über einen Panoramablick und ein aufmontiertes Flakgeschütz.IMG_3900

Nach dem Frühstück, trafen wir Juri Durkot. Er war für die nächsten Tage unser Guide, Betreuer und Dolmetscher….und er erwies sich für uns als „Bildungsreisende“ als echter Glücksfall. Der Journalist, Übersetzer, Korrespondent und exzellenter Kenner der Institutionen und Akteure in der ukrainischen Gesellschaft war nicht nur bestens vernetzt. In perfektem Deutsch klärte er uns auf über die Vergangenheit und jüngste Gegenwart dieser sich ständig verändernden Stadt.

Juri Durkot - ein Kenner der Ukraine

Juri Durkot – ein Kenner der Ukraine

Juri ist viel in Europa unterwegs, referiert bei Tagungen und Bildungsveranstaltungen, ist ein engagierter Panelist bei Podiumsdiskussionen und streitet leidenschaftlich für eine demokratische und zivilgesellschaftliche Zukunft der Ukraine. Bei einem dreistündigen Stadtspaziergang zeigte er uns „sein“ Lemberg, erläuterte die vielschichtige Kirchen- und Religionsgeschichte, führte uns in kleine Kapellen und große Kirchen, blieb mit uns auf Plätzen und Boulevards stehen und vermittelte der Reisegruppe in seinen Schilderungen die revolutionär-demokratischen Ereignisse der jüngsten Geschichte. Die Stichworte sind grob bekannt: Orangene Revolution und Euro-Majdan, Barrikaden und Demonstrationszüge, Umbau der Institutionen, Medienvielfalt und Meinungsfreiheit, Implementierung von parlamentarischen Strukturen, Bekämpfung der alltäglichen Korruption im Kleinen wie im Großen. Juri Durkot gibt den großen Ereignissen „ein lokales Gesicht“, beschreibt uns anschaulich was davon hier in der siebtgrößten Stadt des Landes zu spüren ist.

Alim Alijew von SOS Krim

Alim Alijew von SOS Krim

Zum Mittagessen im angesagten Kulturzentrum Dzyga haben wir uns mit Alim Alijew, Mitbegründer von SOS Krim, verabredet. SOS Krim ist eine Nicht-Regierungsorganisation (NGO), die sich um die Probleme der vertriebenen Krim-Tataren kümmert. Durch die russische Okkupation der Krim wurden rund 10.000 von ihnen heimatlos. Es war nicht das erste Mal, dass diese Volksgruppe vertrieben wurde. Die Krimtataren hatten unter Stalins furchtbarem Terror ebenfalls zu leiden, wurden deportiert und konnten erst in den 80er Jahren wieder auf die Krim zurückkehren.

Alim Alijew sprach mit uns über die Lage der Krim-Tataren in Lemberg, die zur Hochburg der Flüchtlinge (sog. Internally Displaced People) geworden ist. Zusammen mit dem UNHCR und internationalen Journalisten arbeitet SOS Krim Menschenrechtsverletzungen auf und kümmert sich um die Integration, Bildung und Kulturerhaltung ihres Volkes.

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Konferenzraum von Wysokyj Zamok

Im Verlagshaus der Regionalzeitung Wysokyj Zamok (Hohes Schloss) trafen wir mit dem ehem. Parlamentsmitglied und heute Vorstandsvorsitzenden des größten Verlags in der Ukraine, Stepan Kurbil zusammen. Der Verlag wurde 1991 gegründet, seit 2006 ist Stefan ihr Chefredakteur.

Stepan

Stefan Kurbil

Nach der Orangenen Revolution war er einige Zeit Julia Timoschenkos Pressesprecher – bis er genug von der Politik hatte. Er war Teilnehmer auf dem Majdan und ist seitdem fokussiert auf den Prozess der Meinungsbildung über die Medien. Der Prozess der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen muss publizistisch langfristig begleitet werden. Angesichts der zunehmenden Bedeutung des Internets hat auch der Verlag wirtschaftlich zu kämpfen, doch gleichzeitig bleibt der Chefredakteur hoffnungsvoll, dass eine Zeitung wie Wysokyj Zamok auch zukünftig in der ukrainischen Medienlandschaft eine Rolle spielen kann.

Rathaus

Rathaus am Rynok

Der Turm des geschmackvoll renovierten Rathauses von Lemberg ist von weithin sichtbar. Traditionell ist hier neben Politik und Bürokratie auch Gastlichkeit zuhause. Im Restaurant wird die gutbürgerliche Küche gepflegt. Von den Wänden grüßen in Öl gemalt die altehrwürdigen Bürgermeister, Ratsmitglieder und auch der alte Kaiser Franz Josef blickt huldvoll auf die Tafelrunde herab. Mit dem Vizedirektor der Katholischen Universität von Lemberg, Dr. Oleh Turij, hatten wir einen heiteren, belesenen und optimistisch in die Zukunft blickenden Gast an unserem Tisch. Sein Thema des Abends war die aktuelle konfessionelle Situation in Galizien und Lemberg.

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Die Rolle der elektronischen Medien und ihre Bedeutung stand am Freitag vormittag im Mittelpunkt. Im Konferenzraum des Fernsehsenders ZIK wurden wir vom Chefproducer, dem Programmdirektor sowie von der PR-Leiterin zum Gespräch empfangen. ZIK ist ein sehr ambitionierter regionaler Sender mit einem modernen, informationsorientierten Format. Er wird, keine untypische Konstellation in der Ukraine, von einem lokalen Oligarchen namens Petro Deminski (Fußballmagnat) finanziert. ZIK ist der größte lokale Sender im Westen der Ukraine und hat landesweite Wachstumsambitionen. Die Redaktion setzt in ihren Magazinen auf investigativen Journalismus, deckt Skandale auf und prangert die Verschwendung von Steuergeldern und Korruption an. ZIK steht für Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt, europäische Werte und für die Stärkung der Zivilgesellschaft durch bürgerschaftliches Engagement.

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Mittagsvergnügen in der heimiligen Kupol

Natalka Sniadanko

Natalka Sniadanko

Unser Mittagessen fand in nostalgischem Ambiente statt. Das Restaurant Kupol wird von zwei Frauen geführt, die es ganz im Stil der dreißiger Jahre eingerichtet haben. Alles wirkt sehr kommunikativ, man fühlte sich wie einem privaten Kunst- und Kultursalon.

Passend dazu trafen wir uns hier mit der ukrainischen Autorin, Übersetzerin und Journalistin Natalka Sniadanko, die von dem jährlichen Lemberger Buchforum herübergeeilt kam. Wir kamen in den Genuss einer kleinen Lesung aus ihrem neusten Buch „Frau Müller hat nicht die Absicht mehr zu bezahlen“ und staunten über ihr perfektes Deutsch – sie hatte u.a. in Freiburg studiert.

Andriy Salyuk

Andriy Salyuk

Ein ehemals großbürgerliches Stadtpalais war am Nachmittag unser Ziel. Mit der Straßenbahn fuhren wir quer durch die Stadt und hatten einen Termin mit Andrij Saljuk dem Vorsitzenden der Stiftung für Denkmalschutz in Lemberg. Die Stiftung ist eine klassische Bürgerinitiative und kümmert sich um den Schutz und Erhalt der vielfältigen Baudenkmäler in Lemberg.

In der alten Villa hat die Stiftung ihren Sitz und in Sachen Denkmalschutz einen schweren Stand in der Stadt. Andrij Saljuk macht kein Hehl daraus: Auf der Prioritätenliste der Kommunalpolitik stehe das Thema weit hinten. IMG_4013Das sei schon so zu sozialistischen Zeiten gewesen. Das Land war arm und das Geld knapp. Baudenkmäler verfielen und wurden im schlimmsten Fall noch geplündert. Es habe kein Geld für Restaurierung und Sanierung gegeben und dies sei im Prinzip bis heute so geblieben. Erschwerend komme hinzu, dass bis heute viele Eigentumsverhältnisse noch immer nicht geklärt seien. Durch eine enge Zusammenarbeit mit Polen sei immerhin etwas Geld aus der EU in Lemberger Projekte gelangt; ansonsten seien die Denkmalschützer auf Spenden und Unterstützung von Mäzenen angewiesen.IMG_4005

Dabei habe der Denkmalschutz großes Potenzial. Kulturdenkmäler stifteten Identität und prägten einen urbanen Stadtraum, die Sanierung der Gebäude sei ein Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft und sicherte Arbeitsplätze. Am Ende kämen die Touristen, staunten über das architektonische Erbe und brächten Geld in die Stadt. Doch bis dahin sei es noch ein weiter Weg. Vor all den Hürden und Schwierigkeiten hat der Bürgeraktivist und Denkmalschützer Andrij Saljuk keine Angst- im Gegenteil. Er habe schon schlimmere Zeiten gesehen und blickt optimistisch in die Zukunft.

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Am Abend Kultur: wir haben uns für einen Ballettabend im Opernhaus herausgeputzt und wir haben beim Betreten der Oper sofort gemerkt: Das ist hier gesetzter Standard. Die Oper, vom Pariser Vorbild sichtbar inspiriert, ist prächtig restauriert. Vestibül und Spiegelsaal glänzen und der große Saal beeindruckt mit kunstvoller Deckenbemalung. Der Abend klingt aus mit einem Essen im Wiener Kaffeehaus. Es kann zwar kulinarisch mit seinen österreichischen Vorbildern mithalten, die Einrichtung hingegen ist eher nüchtern.

 

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Taras Voznyak von Ji

Taras Voznyak von Ji

Am Samstag Vormittag treffen wir mit Taras Voznyak, dem Chefredakteur der vierteljährlich erscheinenden Kulturpolitischen Zeitschrift Ji zusammen. Ji ist ein engagierter Verlag, der sich seit 25 Jahren als gesellschaftskritischer Seismograph der Ukrainischen Gesellschaft versteht. Und Ji ist der Name eines (ukrainischen) Buchstabens, den es in der russischen Sprache nicht gibt. Der Name ist also ein Statement der Unabhängigkeit.

Was wir in seinem spannenden Eingangsvortrag erfahren, ist nicht mehr und nicht weniger als eine kurze Geschichte der Ukraine im Spannungsfeld von Historie und Politik der vergangenen 100 Jahre. Dies vorausgeschickt kommen wir in einer interessanten Diskussion auf die unterschiedlichen Phasen, Ereignisse und die Entwicklung der jüngsten Geschichte der Ukraine zu sprechen. Der Bogen spannt sich von der im Jahr 1991 erklärten Unabhängigkeit der Ukraine über die „Orangene Revolution“ bis zum „Euro Majdan“ und den damit verbundenen (nationalen wie internationalen) Akteuren und ihren unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen. Natürlich geht es immer um die Macht und ihre Strukturen! Noch ist die Ukraine nicht zivilgesellschaftlich zu einer Nation geworden. In der aktuellen tagespolitischen Diskussion wird die Agenda von drei zentralen Themen dominiert: dem Krieg, der alltäglichen kleinen und großen Korruption und der oligarchisch dominierten Wirtschaft. Die in Gang gekommenen innerstaatlichen Reform- und Transformationsprozesse sind nach Ansicht vieler Beobachter natürlich noch nicht zu Ende. Erwartet wird, dass der politischen Emanzipation eine wirtschaftliche folgen wird.

Jirko Prochasko

Jirko Prochasko

Zum Abendessen sind wir ein zweites Mal im Atlas Restaurant zusammen-gekommen. Verabredet sind wir mit Jurko Prochasko, dem auch in Deutschland bekannten Publizisten, Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker. Hauptthema war die Situation in der Ostukraine, wo er sich dort als Therapeut im Rahmen eines Hilfsprogramms um die traumatisierten Menschen kümmert. Prochasko ist ein Mittler zwischen den ost-und mitteleuropäischen Kulturen, einer der unermüdlich unterwegs ist zwischen der Ukraine, Österreich und Deutschland. In der Literaturwissenschaft beschäftigt ihn am Lemberger Institut die Galizien Rezeption, als Fellow war er am Wissenschaftskolleg in Berlin zu Gast, in Frankfurt hat er eine Veranstaltungsreihe über die Zukunft der Ukraine mit initiiert. Und natürlich schreibt er auch für Ji, das kulturpolitische Journal von Taras Voznyak.

 

Sonntag: unser Abreisetag. Bevor wir uns auf den Rückweg zum Flughafen begaben, stand am Vormittag noch ein Besuch auf dem großen und berühmten LytschakiwskiFriedhof vor den Toren der Stadt auf dem Programm. Gräber und Grabmonumente aus mehr als 250 Jahren sind steinerne Zeugen der wechselhaften und dramatischen Historie. Die Geschichte dieser beeindruckenden Nekropole beginnt 1787. Sie ist ein Kristallisationspunkt konkurrierender Erinnerungen. IMG_4292Bemerkenswert bleibt die Tatsache, dass die Sowjets im Jahr 1971, lange also nachdem sie die polnische Bevölkerung am Ende des zweiten Weltkriegs vertrieben hatten, zur gleichsam endgültigen Auslöschung den Friedhofsteil der Verteidiger von Lemberg mit Panzern planierten. Die Entehrung dauerte 4 Jahre. Dann hat man den Friedhofsteil zum historischen Denkmal erklärt und in den 80er Jahren wiederaufgebaut und saniert.
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Heute liegen der polnische und der ukrainische Soldaten-Friedhof nebeneinander – ein Symbol der nationalen Aussöhnung der Ukrainer mit den Polen.

Autor: SHS